Im Wettkampf mit dem Weltmeister
Es gibt Regatten, bei denen die Ergebnisliste die Geschichte erzählt. Und es gibt Regatten wie diese, bei denen man die Liste erst lesen kann, wenn man weiß, was dahintersteckt. Also, der Reihe nach.
Losgefahren sind wir am Donnerstag mit vier Kindern, drei Erwachsenen und zwei Krankenscheinen. Die Hälfte unserer Crew war angeschlagen, und die Frage lautete nicht „Wie ist der Wind?", sondern „Wer ist morgen fit?". Die gute Nachricht kam am Freitagmorgen: alle. Die weniger gute schon am Donnerstag: Das geplante Training mit einem lokalen Coach fiel aus – zu viel Wind für zu wenig gesunde Mannschaft.
Dafür reisten wir angenehm leicht. Keine Boote, kein Trailer, kein Motorboot – die Société Nautique de Genève stellte uns zwei Fevas und ein Begleitboot, wir brachten nur unsere nagelneuen Segel mit. Nagelneu heißt allerdings: ohne Segelnummern. Das fiel uns, wie es sich für einen anständigen Regattaauftakt gehört, erst vor Ort auf. Die Lösung war pragmatisch: eine 1 und eine 2, großzügig aufgeklebt. Und so stehen wir heute in der offiziellen Ergebnisliste als „SUI 1" und „SUI 2" – zwischen lauter vierstelligen Nummern sehen die beiden aus, als hätten sie die Klasse gegründet.
Das Feld: 25 Boote, darunter zwei französische Teams, und allein elf Boote der SNG. Mit dabei Leo Gosling, der frisch gekürte ILCA-Weltmeister und seine Schwester Zoe auf SUI 8 (man merke, cool Kids haben nur eine Zahl). Zoe wurde bei Leos rasanten Tempo übel, er setzte sie an Land ab und segelte kurzerhand allein weiter. Eine Feva ist aber nun einmal ein Zweipersonenboot, und so steht im fünften Rennen ein RET in der Liste – und für den Rest der Regatta blieb SUI 8 an Land. César Delorme und Victor Thomas gewannen mit 18 Nettopunkten aus neun Rennen – vor ihren Clubkollegen Kiran Moses und Luca Tyc, die exakt einen Punkt dahinter lagen. Vier der ersten fünf Boote segeln für die SNG. Dass die Kinder hier den dritten America's-Cup-Sieg nach Genf holen wollen, merkt man an jeder Wende.
Freitag, fünf Rennen, leichte bis gute Brise. Luka und Galia (SUI 1) eröffneten die Regatta stilecht: mit einem Frühstart. Wer zu früh über die Linie geht, ist mindestens eines nicht: schüchtern. Danach segelten die beiden dreimal konstant auf Platz 24 und beendeten den Tag im fünften Rennen als 22. – zum ersten Mal vor zwei anderen Booten. Nicolas und Damien (SUI 2) starteten mit drei 23. Plätzen, verpassten den vierten Start (DNS) und schlossen ebenfalls als 22. ab. Kleine Schritte, aber die Richtung stimmte.
Samstag, vier weitere Rennen – und ein Schock. Galia wachte krank auf und musste nach Hause. Die Wettfahrtleitung suchte engagiert nach einer Ersatzcrew für Luka, fand aber niemanden. Vier Mal DNC in der Tabelle – „nicht erschienen". Die Tabelle lügt hier: Luka war sehr wohl da. Er segelte die Feva allein mit, außer Konkurrenz, und kreuzte einmal als 20. die Ziellinie. Einhand in einem Doppelhänder, in diesem Feld – das steht nirgends geschrieben, aber wir haben es gesehen.
Und dann Nicolas und Damien: 22, 21, 21, 18. Vier Rennen, vier Mal besser als jedes Freitagsergebnis. Der 18. Platz im letzten Rennen war ihr bestes Resultat der Regatta – und sie liessen dabei sechs Boote hinter sich, darunter mehrere aus Genf. Am Ende fehlten ihnen nur sieben Punkte auf das SNG-Boot vor ihnen. Wer die Linie von R1 bis R9 zieht, sieht keine Zufallsergebnisse, sondern eine steile Lernkurve.
Sonntag: Der Genfer See lag da wie eine Glasplatte. Bis 15 Uhr warteten alle auf dem Wasser, dann der Abbruch. Bei neun gesegelten Rennen blieb es also – Endstand: Platz 24 und 25 von 25. Auf dem Papier die beiden letzten. Auf dem Wasser zwei Teams, die gegen die vielleicht stärkste Feva-Jugend Europas in jedem Rennen ein Stück näher rückten.
Dann ging alles schnell: Der Zug wartete, die Schule am Montag auch (zwei Tage hatten die Kids in der Vorwoche schon gefehlt), und halb SNG half beim Verstauen, damit wir es noch schafften. Im Zug wurden Hausaufgaben gemacht. Freiwillig. Fast.
Was bleibt: ein Club, bei dem Gastfreundschaft keine Floskel ist, eine Organisation ohne Wackler, eine Handvoll cleverer Tricks, die wir uns von den Profis abgeschaut haben (die Feva ist ein wunderbares Boot – und für jede ihrer kleinen Macken haben die Genfer offenbar eine Lösung parat), zwei Großsegel mit den Nummern 1 und 2 – und vier Kinder, die wissen, wo die Messlatte hängt. Genf, wir kommen wieder. Mit Nummern.
Fotos: Adam Gosling, Anna Lukasson